Mit seinen kahlen Vulkanbergen, einsamen schwarzen Sandstränden und tosenden Wasserfällen ist Island für viele Fotografen das Traumziel schlechthin. Doch an einem besonders kalten und trostlosen Tag, als seine Kamera auf ein anonymes Aluminium-Iglu in den Lavafeldern von Nesjavellir nahe Reykjavik gerichtet war, war Davide Monteleone auf einer etwas anderen Mission: Er sollte ein Bild machen, das das Interesse der Leser weckt und sie neugierig auf mehr macht.
Das Thema – die aufkeimenden Technologien zur Kohlendioxidabscheidung – ist auf geopolitischer Ebene ungemein wichtig. „Der Prozess der Dekarbonisierung muss genauso intensiv betrachtet werden wie der Konflikt selbst“, erklärt Davide. „Wir haben dieses Problem geschaffen, und jetzt müssen wir uns mit technischen Neuerungen einen Weg heraus bahnen. Diese Maschinen sind die Waffen, die die Menschheit baut, um uns zu retten.“
Die Technologien zu fotografieren, erweist sich jedoch häufig als problematisch. „Die Herausforderung bestand darin, eine Geschichte über etwas zu illustrieren, das man nicht einmal sehen kann. Wir waren vor Ort, um ein System zur Abscheidung von Kohlenstoff zu dokumentieren. Wie die meisten dieser Technologien war es visuell natürlich wenig ansprechend – auch wenn sein Potenzial unglaublich wichtig ist. Also galt es, die Wissenschaftler und ihre lebenswichtigen Entwicklungen in den Fokus zu stellen, mit denen das Kohlendioxid aus der Luft abgeschieden und unterirdisch gespeichert bzw. durch Projekte im Meer reduziert werden soll.“
Für den Artikel besuchte Davide im Laufe von acht Monaten neun Anlagen zur Kohlenstoffabscheidung in Europa und weltweit. Dort verbrachte er jeweils einige Tage bis hin zu mehreren Wochen. „In die Aufnahmen für solche Artikel fließt sehr viel Recherchearbeit ein. Der Fotograf ist intensiv in die Planung und die Entscheidungen der Redaktion eingebunden“, erklärt er. „Ein Projekt dieser Größe und Schwere kann einen schon nervös machen, doch die starke Einbindung und mein eigenes Interesse daran wirken dem entgegen.“
Trotz aller Herausforderungen hatte Davide nach anstrengenden zwölf Stunden in Nesjavellir ein Bild, das der Titelseite der National Geographic Novemberausgabe 2023 würdig war.
Für das Projekt verwendete Davide eine Großformatkamera, eine Drohne und seine Sony Alpha 7R IV, ein Modell, das er als unglaublich effizient beschreibt: „Die Kamera erledigt alles, was sie soll, schnell und unkompliziert. Die Arbeit mit einem solch kleinen und leichten spiegellosen Vollformatmodell erinnert mich daran, wie die ersten 35-mm-Filmkameras die dokumentarische Arbeit Mitte des 20. Jahrhunderts revolutioniert haben. Und mit 60 Megapixeln kann sie bei der Qualität locker mit Kameras mithalten, die viel größer und teurer sind.“
„Außerdem meistert sie auch lange Tage unter schwierigen Bedingungen. Ich kann mich darauf verlassen, dass sie mit einer einzigen Akkuladung mehr als tausend Fotos schießt und dabei der Kälte in Island oder der hohen Luftfeuchtigkeit in der Demokratischen Republik Kongo trotzt“, so Davide.
Im Hinblick auf die Kreativität, die erforderlich ist, um etwas ansprechend zu gestalten, das auf den ersten Blick „ziemlich hässlich und langweilig“ erscheint, sind bei solchen Projekten, im Gegensatz zu denen in Konfliktzonen, die oft sehr reaktiv sind, Geduld und Inspiration gefragt.
„Also begann ich zusammen mit meinem Team, das Problem zu analysieren, verschiedene Ideen auszuprobieren und zu schauen, was funktioniert. Wie stellten uns Fragen wie: Können wir eine Perspektive finden, die die Geschichte besser erzählt? Gibt es die Möglichkeit, Elemente aus der Industriefotografie zu nutzen? Können wir eine kreative Beleuchtung einsetzen oder zu einer anderen Tageszeit fotografieren? Die Aufnahme des Iglus haben wir schließlich nachts gemacht und mit einer beweglichen Drohne beleuchtet.“ Davide hatte auch auf Nordlichter gehofft, doch leider bewahrheitete sich das, wovor die Isländer häufig warnen: Wenn man von ihnen spricht, zeigen sie sich nicht.
„Ich denke, wir haben gute Arbeit geleistet“, resümiert er, „denn schließlich wurde die Aufnahme für die Titelseite des Magazins ausgewählt. Das Foto hat einen besonderen Reiz, wirft aber auch einige Fragen auf. Man möchte wissen, was es mit dem Iglu auf sich hat und wofür es genutzt wird. Es ist auf eine futuristische Art und Weise ansprechend, doch die etwas fremdartige Landschaft des Lavafelds wirkt auch ein wenig unheimlich. Das Bild erzählt von den Verheißungen, aber auch von den Herausforderungen, die vor uns liegen, und davon, was auf uns zukommen könnte, wenn wir sie nicht meistern.“
In diesem Sinne sieht Davide sich selbst als Übersetzer. „Das Foto selbst erklärt nichts, doch wenn es jemanden dazu bewegt, etwas zum Thema Kohlenstoffabscheidung zu lesen, dann hat es seinen Zweck erfüllt. Die Rolle des Dokumentarfotografen besteht nicht darin, das Problem zu lösen, sondern darin, in anderen das Interesse dafür zu wecken, dies zu tun.“
Daran hat sich im Laufe der Geschichte nicht viel geändert, meint Davide und vergleicht seine Arbeit mit der derjenigen, die die industrielle Revolution dokumentiert haben, wie zum Beispiel des Fotografen Lewis Hine. „Unsere Aufgabe ist es, eine neue industrielle Revolution aufzuzeigen und die Geschichten der Energiewende zu erzählen. Wir gehen von fossilen Brennstoffen über zu grüner Energie, und auch wenn die Kohlenstoffabscheidung allein die Klimaprobleme der Welt nicht lösen wird, ist sie doch ein wichtiger Bestandteil davon. Auch die Fotografie in diesem Bereich entwickelt sich weiter. Während vor fünf Jahren vor allem Stockbilder den technologischen Wandel zeigten, sieht man heute eine zunehmende Menge an kreativer und durchdachter Arbeit.“
Wie viele andere Fotografen auch arbeitet Davide häufig mit Hybridaufnahmen. Die Möglichkeit, dass er mit seiner Sony Alpha 7R IV Videos für den National Geographic Artikel drehen konnte, war daher ebenfalls ein wichtiger Aspekt. „Ich präsentiere gerne Geschichten, die Videos enthalten, da sie sich im Hinblick auf die Erzählung und das Storytelling als sehr effizient erweisen. Insbesondere bei eher statischen Motiven, wie sie im Rahmen dieses Projekts gezeigt wurden, können die Bewegung und der Ton von Videos überzeugender sein.“
Während die Geschichte der Kohlenstoffabscheidung und des Klimawandels zwangsläufig geopolitisch ist, fand Davide die menschliche Komponente ziemlich erfrischend: „Wissenschaftler haben immer eine unglaubliche Leidenschaft für das, was sie tun, und sind sehr geduldig und emotional, wenn sie es erklären – selbst wenn es sich um eine Nische oder eine komplexe Sache handelt oder für den Rest von uns unsichtbar ist. Sie wissen, dass ihre Forschung die Zukunft unseres Planeten bestimmt. Und wenn ich die Energie dieser wenigen Menschen in eine Botschaft übersetzen kann, die viele erreicht, dann mache ich das sehr gerne.“
„Ich komme aus der Tradition der Dokumentarfotografie, aber ich will Neugier wecken, anstatt nur Informationen zu vermitteln. Die beste Geschichte steckt nicht im Bild, sondern davor und dahinter. Das Bild dient nur als ein emotionales Fenster.“