Was macht eine großartige Kamera für die Straßenfotografie aus? Es überrascht wenig, dass viele Eigenschaften die gleichen sind, die auch einen großartigen Straßenfotografen ausmachen. Beide müssen agil, reaktionsschnell, kreativ und ungehemmt sein und überall dort arbeiten können, wohin sie der Nervenkitzel der Dokumentation des menschlichen Lebens führt. Der gefeierte Magnum-Fotograf Richard Kalvar, der im Laufe von 60 Jahren ein Portfolio von Bildern geschaffen hat, die gekonnt Timing und Humor miteinander verbinden, erfüllt sicherlich alle Kriterien für Letzteres. Aber wie beurteilt er die neue Sony RX1R III?
Richard hat 2014 und 2015 ausgiebig mit der ursprünglichen RX1 gearbeitet und erinnert sich gerne daran, wie genau sie zu seinem Stil passte. „Im Grunde fotografiere ich Menschen im Reportagestil“, beginnt er. „Vor einem Jahrzehnt erwies sich die Sony RX1R als eine überraschend leistungsfähige Kamera dafür. Zuvor hatte ich lange Zeit einen Entfernungsmesser verwendet, aber als ich versuchte, auf eine digitale Version mit Vollformat aufzurüsten, war das eine Enttäuschung. Die RX1R war es aber mitnichten.“ „Da es sich um eine sehr kompakte Kamera handelt, dachte ich zuerst, sie sei ein Spielzeug“, fährt er fort, „aber ich merkte schnell, dass sie ein ernstzunehmendes Werkzeug war. Der digitale Entfernungsmesser war so langsam und enttäuschend, dass meine Fotografie vorerst eine Art Durststrecke erlebte. Doch plötzlich, mit der RX1, konnte ich wieder spontan fotografieren. Ich verwendete sie etwa zwei Jahre lang und sie war meine wichtigste Nicht-Spiegelreflexkamera.“
Im Jahr 2014 erkundete Richard mit seiner RX1 die belebten Strände und Strandpromenaden der französischen Ïle de Ré sowie die Straßen des benachbarten La Rochelle und schuf ein strukturiertes Porträt des Küstenlebens. Im Jahr 2025 tat er dasselbe, diesmal mit der RX1R III, wobei sein unverwechselbares monochromes Konzept eine Brücke zwischen dem Jahren und den Schauplätzen schlägt. „Für diese Art von persönlichen Bildern arbeite ich hauptsächlich mit Schwarzweiß“, erklärt er. „Ich schaffe ein Lebenswerk, also möchte ich ungern Neues versuchen, und Schwarzweiß passt zu der Welt, die ich zu ‚erschaffen‘ versuche. Das sind Bilder, bei denen das, was man sieht, eine gewisse Illusion oder Spannung hat. Es ist nicht alles so, wie es scheint. Ohne überflüssige Elemente wie Farben kann man diese Beziehungen und Bedeutungen klarer erkennen.“ „Auf der Ïle de Ré und in La Rochelle herrschte noch all die Lebendigkeit aus meiner Erinnerung“, sagt Richard. „Menschen, die Urlaub machten und arbeiteten, Eis aßen und tanzten. Bei der Aufnahme dieser Situationen bleibt der zentrale Reiz der RX1R III erhalten, aber natürlich wurde sie in vielerlei Hinsicht verbessert.“
„Einer der Hauptvorteile sind Stil und Größe der Kamera“, fährt er fort. „Erstens ist es eine Kamera, die man ohne zu zögern ergreift und mitnimmt, was den Unterschied ausmacht, ob man eine Gelegenheit sieht oder ein Bild macht – und andersherum. Genau deshalb habe ich immer gerne eine Kamera dabei.“ „Man kann mit Fug und Recht sagen, dass kleinere Kameras auch bessere Interaktionen erzeugen können“, sagt er weiter. „Sie sind weniger einschüchternd und diskreter, sodass ich mit der RX1R III näher herankommen und die Bilder intimer und vertrauter wirken lassen konnte.“
Die Möglichkeit, nah heranzukommen, ist für Richard auch wegen der von ihm bevorzugten Brennweite wichtig. „Für Straßenaufnahmen bevorzugen manche 50 mm oder 28 mm, ich aber schwöre auf 35 mm. Es ist meine natürliche Brennweite und Teil meiner Sprache als Fotograf. Das fest installierte Zeiss 35mm f/2 Sonnar T* Objektiv der RX1R III ist breit genug, um Kontext zu ergänzen, aber innerhalb der Grenzen der normalen Optik. Man muss jedoch nah dran sein, um das Bild auszufüllen. Es ist ein interessantes, mitunter auch schwieriges Abenteuer, aber diese Kamera macht es einfacher, nicht zuletzt weil ihr Verschluss so leise ist.“
Richard schätzt auch den 61-MP-Vollformatsensor der RX1R III, ein Upgrade gegenüber dem Original, der enorme Details erzeugt. „Wer würde nicht gerne mit einem Vollformatsensor arbeiten, wenn er einen in einem Gehäuse dieser Größe steckt? Beim neuen Modell stehen mir bei Bedarf 50-mm- und 70-mm-Crop-Modi zur Verfügung, und Letzterer bringt immer noch 18 MP, was mehr als ausreicht.“ „Die ISO-Leistung und der AF sind ebenfalls erstaunlich“, fährt er fort. „Früher haben wir uns Sorgen gemacht, 800 oder 1600 zu überschreiten, aber heute kann ich die Dinge wirklich pushen. Bei 1/8 Sekunde und f/2 muss ich mir keine Sorgen um Verwacklungen machen, ich kann bei f/4 oder f/5.6 mit1/60 Sekunde arbeiten, selbst wenn nahezu Dunkelheit herrscht. Und unter denselben Bedingungen kann ich mit dem Autofokus mit Motivverfolgung Motiven folgen, die sich durch das Bild bewegen.“
„Ich bin von dieser Kamera begeistert“, meint Richard abschließend. „Ich möchte schnell und in hoher Qualität arbeiten können, und das alles kann ich damit tun. Darüber hinaus gibt mir die RX1-Serie aber auch mehr Freiheit beim Fotografieren. Ich erinnere mich, wie ich das Original mit an den Strand nahm und mich dazu inspirieren ließ, die Muster im Sand, das Licht und die Wellen zu fotografieren. Das war sehr ungewöhnlich für mich. Inspiration ist immer willkommen, und ich gehe davon aus, dass das auch mit der RX1R III so bleibt.“