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„Musik macht uns zu Menschen“

Interview mit Cookie Marenco, Gründerin von Blue Coast Records

Cookie Marenco hat eigentlich schon alles gemacht. Sie gilt als Pionierin der digitalen Aufnahme. Sie hat fünf für den Grammy nominierte Aufnahmen arrangiert und produziert und eine Dokumentation, die den Academy Award erhalten hat. Sie spielt Klavier, Oboe und Sitar, und sie ist Mitbegründerin von Blue Coast Records, einer Aufnahmemarke, die sich auf akustische Musik und Hi-Fi-Aufnahmen spezialisiert hat.

Wenn es Sie je einmal interessiert, wie es ist, mit Weltklasse-Musikern zusammenzuarbeiten und ausgezeichnete Alben zu produzieren, dann lesen Sie weiter. Cookie Marenco nimmt uns mit hinter die Kulissen.

F: Wie sieht ein typischer Tag in einem Aufnahmestudio aus?

Marenco: Ich rate niemandem, eine berufliche Laufbahn in der Musikbranche zu verfolgen, wenn nicht eine echte Leidenschaft für die Musik vorhanden ist. Sie müssen Musik über alle Maßen lieben. So sieht ein typischer Arbeitstag bei mir aus:

6.00 Uhr – 8.00 Uhr: In dieser Zeit lese und beantworte ich E-Mails, sprechen mit Kunden und durchforste Nachrichten aus der Musikbranche.

8.00 Uhr – 13.00 Uhr: Diese Zeit halte ich mir frei für Büro- und Verwaltungstätigkeiten, zu denen die Bearbeitung des Newsletters, das Erstellen von Marketing-Inhalten, die Buchhaltung, das Projektmanagement für Studio-Sessions, Diskussionen mit Künstlern und die Geschäftsentwicklung gehören.

13.00 Uhr – 22.00 Uhr: Normalerweise beende ich den Tag mit Künstler-Sessions im Studio. In dieser Zeit gibt es absolut keine Telefonanrufe, keine E-Mails und keine SMS. Ich verbringe üblicherweise etwa fünf bis neun Stunden am Tag im Studio mit Künstlern und dem Mischen, Mastering oder Erstellen von Audioinhalten.

Sonntags herrscht Computerverbot (naja, ich versuche es…).

F: Mit welchem Künstler arbeiten Sie am liebsten?

Marenco: Das ist, als würden Sie fragen, welches Ihrer Kinder Sie am meisten lieben. Ich würde sagen, dass jeder Künstler, der Teil von Blue Coast Records ist, das ist, weil er oder sie ein Lieblingskünstler oder eine Lieblingskünstlerin ist, den bzw. die ich in der Vergangenheit produziert habe. Eine unvergessliche Session war, vor 20 Jahren nach London zu fliegen, um mit Ladysmith Black Mambazo zu arbeiten. Ich habe immer noch eine sehr lebendige Erinnerung daran und könnte tagelang erzählen!

F: Was ist das für Sie wichtigste Album, das Sie je produziert haben?

Marenco: Das ist für mich die Blue Coast Collection, weil ich mir dabei keine Einschränkungen auferlegt habe, mit wem ich arbeite, wo ich aufnehme oder wie lange es bis zum Abschluss dauert. Das Konzept für das Album entstand, als ich zufälligerweise in Frankreich einen anderen Toningenieur traf, Jean Claude Reynaud. Wir waren beide enttäuscht, dass aufgenommen Musik ihre Klangqualität verloren hatte. Unsere ersten Aufnahmen dauerten drei Jahre. Diese Aufnahmen bilden die Basis von Blue Coast Records.

F: Wer inspiriert Sie musikalisch am meisten?

Marenco: In meiner Jugend, in der ich häufig Musik machte, waren Miles Davis und Arthur Rubinstein meine Helden. Ich lasse mich auch von meinen Freunden Art Lande und Paul McCandless inspirieren, die unglaubliche Musiker sind. Ich fing in den 80ern als Tontechnikerin an und bewunderte Quincy Jones, Trevor Horn und Bob Clearmountain wegen Ihres überwältigenden Sounds. In den 90ern ließ ich mich von meinem Freund und Mentor Gerry Kearby inspirieren, der mit Liquid Audio das erste digitale Software-Unternehmen gründete. Er hat Mitte der 80er außerdem das erste Aufnahmegerät für den Mac eingebracht. Man konnte mit ihm eine wunderbare Zeit verbringen.

Ich bin jetzt von den vielen neuen Künstlern motiviert, mit denen ich arbeite und die mit so viel Engagement unentwegt reisen und umhertouren. Ich bin begeistert, wenn ich junge, talentierte Künstler entdecke, die keine Ahnung haben, was noch vor ihnen liegt. Ihr Antrieb inspiriert mich.

F: Auf welchen Meilenstein sind Sie besonders stolz?

Marenco: Ich mache mir nicht so viele Gedanken darüber, dass GRAMMY® Nominierungen oder die ACADEMY AWARD®-Projekte Teil von Musik-Innovationen in neuen Medien und bei der Verteilung sind.

Mein erster „Moon Walk“ fand im November 1997 bei UCLA statt, während ich mit Liquid Audio arbeitete. Ich war die erste Tontechnikerin die in der Lage war, zwei Live-Songs aufzunehmen, diese ins Internet hochzuladen und sie vor 1000 Besuchern wiederzugeben. Sie konnten innerhalb einer Stunde weltweit gekauft werden. Es war die erste Audio-Datei einer Live-Aufnahme, die in unter einer Stunde bereitgestellt werden konnte. Damals hätten wir auch ebenso darüber reden können, zum Mars zu fliegen. Ich bin sehr stolz darauf, Teil dieses historischen Moments gewesen zu sein, auch wenn ich damals noch keine Ahnung hatte, welche Auswirkungen dieses 15 Jahre später haben würde.

Ein weiterer wichtiger Meilenstein wurde im Juni im 2010 gesetzt, als Blue Coast Records ihre ersten DSD-Dateien zum Download im Internet bereitstellten. Dabei handelte es sich nicht einfach um Dateien auf einer SACD. Damals gab es keine Wiedergabegeräte außer der PlayStation 3 von Sony. Damit kam einiges in Bewegung. Heute können mehr als 400 Geräte DSD-Dateien wiedergeben.

Der andere Meilenstein war der Start von Blue Coast Records in 2007. Ich erinnere mich daran, dass ich dachte, ich würde unserer ersten Aufnahme, der Blue Coast Collection bei einem Debut auf der Hi-Fi Show in Paris eine Chance geben. Es stellte sich heraus, dass es ein entscheidender Erfolg war. Blue Coast Collection ist immer noch unser größter Verkaufsschlager. Ich bin stolz darauf, sagen zu können, dass wir 60.000 Fans haben, die sich für unsere Musik angemeldet haben.

F: Wie hat sich die digitale Aufnahme mit den Jahren entwickelt?

Marenco: In den mehr als 30 Jahren, in denen ich im Aufnahmestudio arbeite, haben sich gute Aufnahmetechniken nicht geändert. Die Akzeptanz von suboptimaler Klangqualität wurde jedoch Standard, und die Leute wollen Ihre Musik ohne dafür bezahlen zu müssen. Allerdings fangen sie mittlerweile an, die Klangqualität gegenüber der Bequemlichkeit zu priorisieren. Es gibt Veränderungen, da Verbraucher aller Altersgruppen beginnen, sich mehr für den Erwerb von DSD und Vinyl zu interessieren.

F: Werden sich die Millennials auf die Hi-Res-Musik einlassen?

Marenco: Wir sehen bereits die Anfänge. Es gibt bereits mehr Millennials, die Vinyl als wichtigen Teil ihrer Musiksammlung sehen. Ich sehe immer mehr junge Leute, die von einer hochwertigeren Klangqualität inspiriert sind und auf High-Resolution Audio umsteigen. Dieses geschieht insbesondere außerhalb der USA. Viele unserer Erstkäufer sind in ihren 20ern. Wer braucht schon 35.000.000 Songs, die sich wie Müll anhören? Diese Tage werden bald vorüber sein.

F: Gibt es etwas, das Sie Ihren Lesern mitteilen möchten?

Marenco: Diejenigen die Musik lieben und denken, dass sie für ihr Leben wichtig ist, möchten wir bitten, unsere Lieblingskünstler zu unterstützen, indem sie auf deren Konzerte gehen, ihre Musik kaufen und ihren Freunden zeigen, was sie sich anhören. Stellen Sie sich einmal eine Welt ohne Musik vor. Das ist schwer, oder? Musik macht uns zu Menschen.

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